Öffnungszeiten Montag - Sonntag: 10:00-18:00 Uhr Feiertags: 10:00-18:00 Uhr  Tel: 03491-40 90 04 Fax: 03491-6429235 HAUS DER GESCHICHTE  Lutherstadt Wittenberg

Auszüge aus lebensgeschichtlichen Interviews :

"Russen und Deutsche im Alltag in Wittenberg"

Schule GSSD Nr.19, Lutherstadt Wittenberg mit Erlaubnis von Alla Emeljanowa

Tschubakow Alexej

Bei uns war damals

( im Jahre 1991, 7 Klasse) üblich sich im Rahmen des „Alltagsaustauschs“ mit deutschen Gleichaltrigen gegenseitig zu besuchen. So waren wir öfters in der Schule „August Bebel“ , und die Schüler dieser Schule bei uns. Dabei musste man „unbedingt“ was mitbringen, als Geschenk. Beim Betreten des Klassenraumes suchte sich jeder einen beliebigen Schüler aus, mit dem man dann die ganze Zeit des Schulbesuches zusammen war. Du hast ihm dein Souvenir geschenkt, und er dir seins. Wir, Jungs, haben uns immer den Partner nach der Größe des Geschenks ausgesucht. Ich weiß noch, wie ich es nicht „geschafft“ hab, mir einen Jungen zu „schnappen“, der auf seinem Tisch ein riesiges Spielzeugauto stehen hatte. Das bekam mein Freund. Ich habe meinem Partner einen Salzstreuer geschenkt, und er mir einen Luftballon, wo eine ganze Menge verschiedenster Süßigkeiten drin war, das war ... so wunderschön gestaltet, ... das sah einfach sehr gut aus! Bei uns gab's mal einen Vorfall. Ein Junge wusste nicht, was er schenken sollte, weil seine Eltern gerade nicht zu Hause waren. Von daher hat er sein Pionierhalstuch verschenkt. Das gab einen Riesenärger... Dabei schenkten uns die deutschen Schüler ihre blauen Boyscout-Halstücher. Schade, dass ich meins dann irgendwann versiebt habe! Solche Freundschaften gab's damals bei uns mit deutschen Schülern! Das war eine schöne Zeit!

Beresan Alex

In unserer Zeit (67-72) gab's noch keine privaten Beziehungen.

Unter Offizieren wurden sie nicht gerade gefördert. Von daher gab's verschiedene Politabteilungen, die dafür sorgten, dass es solche Beziehungen nicht gab. Das rührte aus den Zeiten des Stalinterrors her, als Kontakte mit Ausländern als Heimatverrat interpretiert wurden. Mit Kindern war alles einfacher. Formale Beziehungen gab's immer. Irgendwelche gemeinsamen Veranstaltungen, größtenteils sportliche Feste u s.w. Im Pionierlager haben wir öfters zusammen mit deutschen Kindern Fußball oder Volleyball gespielt. In einem deutschen Pionierlager habe ich das erste Mal in meinem Leben Bowling gespielt. Und in einem internationalen Pionierlager „Rosa Luxemburg“ gab's Freundschaftstreffen mit deutschen Pionieren, die eigentlich keine Deutschen waren, sondern, wenn ich mich nicht irre, ethnische Serben, die in dem Ort wohnten. Jedenfalls waren sie Slawen und haben ähnliche Sprache wie wir gesprochen. An die privaten Beziehungen kann ich mich nicht erinnern. Neben unserem Kontrollpunkt (die Kreuzung Thomas Münzer Strasse und Telmannstrasse) spielten öfters deutsche Kinder aus dem Nachbarhaus. Wir wechselten ab und zu ein paar Worte mit einander, mehr war da nicht drin. Im Jahre 1973 wohnte ich schon in Potsdam. Mit 15 wollte man schon sein eigenes Taschengeld verdienen. So haben wir bei der Erntehilfe mitgemacht. Zusammen mit deutschen Schülern. Einmal haben ich und mein Kumpel den Zug verpasst. Und zwei deutsche Mädchen, die mit uns arbeiteten, auch. Und als Leidensgefährten haben wir schnell gemeinsame Sprache gefunden. Wir sind dann im Park spazieren gegangen, und so verbrachten wir fast den ganzen Tag zusammen. Beim Abschied hat mir das Mädchen, das ich kennen gelernt habe, eine Kette mit Anhänger geschenkt, und ich ihr eine Kette mit Medaillon mit Prägung des Denkmals der Völkerschlacht in Leipzig. Und noch in einer Woche bin ich nach UdSSR abgereist, für immer, wie man damals dachte. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Kalnik Alex

Ich weiß noch, dass meine Eltern deutsche Freunde hatten.

Unser Städtchen wurde umzäunt, und die Kinder durften nicht raus. Wir sind aber doch regelmäßig über den Zaun abgehauen, und dann zum See. Direkt hinter unserem Zaun wohnte eine deutsche Familie. Sie hatten in ihrem Garten schöne Blumen. Wir, Jungs, haben uns öfters mit dem alten Mann unterhalten. Es gab dann mal ein Fest, und wir haben ihn gebeten, uns ein paar Blumen zu geben. Er hat dann jedem von uns einen kleinen Strauss aus Tulpen geschenkt ?. Aus UdSSR versuchten wir immer schöne Souvenirs mitzubringen, da wir regelmäßig Freundschaftstreffen hatten. Auf solch einem Treffen haben ich und mein Partner unsere Pionierhalstücher ausgetauscht. Und es gab kein Ärger! Das Halstuch habe ich heute noch. Ich werde es nie vergessen, wie herzlich und mit welcher menschlichen Wärme deutsche Ärzte aus der Nachbarklinik mich aufnahmen, als ich zu ihnen mit einer Verletzung eingewiesen wurde. Überall, wo wir waren, waren die Leute ausgesprochen freundlich zu uns! Das waren die besten Jahre meiner Kindheit. Nach der Rückkehr in die UdSSR war ich sogar eine bestimmte Zeit lang von meinem Land und von meinen Landsleuten enttäuscht, aber das ist schon eine andere Geschichte.

Lena Kruglowa

Was die Freundschaft anbelangt.

Zu unserer Zeit (77-80) gab es auch offizielle „Freundschaften“ mit den deutschen Schülern. Das war teilweise ziemlich interessant. Wir hatten in der Regel gemeinsamen Bastelunterricht (wir bastelten zusammen verschiedene Herzchen- Täschchen aus buntem Lederimitat, zum Beispiel.) Unter anderem besuchte ich einen Fotozirkel auf der Station der jungen Techniker. Auf meiner Internetseite gibt es Fotos, die wir in diesem Studio gemacht haben. Was die Namen anbelangt, kann ich mich nur noch an zwei deutsche Mädchen erinnern: Karina-eins und Karina-zwei ?. Und nicht „offizielle“ Freundschaften fanden am Zaun statt. An den Zaun des „Grossen Gartens“ grenzten Kleingärten an, wohin deutsche Kinder mit ihren Eltern arbeiten kamen. So am Zaun versuchten wir mit unseren deutschen Altersgenossen zu kommunizieren.

Irina Smirnowa

Wir wohnten (73-76) in einem Haus am Zaun, der deutsches Territorium von unserem trennte. Drüben stand ein Häuschen, wo Deutsche wohnten. Es gab Ostern. Ich und meine Mutter standen am Fenster und beobachteten, wie deutsche Kinder Geschenke und Ostereier suchten, die ihre Großeltern für sie liebevoll vorbereitet und im Garten versteckt hatten. Das war völlig neu für uns. Diese Art, Ostern zu feiern. Dann beschlossen wir ihnen von unserer Seite auch was zu schenken. Wir hatten eine Matreschka. Da haben wir Konfekt reingepackt, wieder zugemacht und über den Zaun geworfen. Die Kinder haben sich gefreut.

Wladimir Ermakow

Wir trafen uns auch mit deutschen Schülern,

das war aber, als wir Pioniere waren, in älteren Klassen nicht mehr. Ich kann mich noch gut an eine Geschichte erinnern. Unsere Freundschaftstreffen hat immer eine deutsche Lehrerin organisiert, sie sprach gut Russisch, war sehr nett und freundlich. Später, das war im Jahre 1968, auf einem Treffen mit dem Kommandeur einer Garnison (solche Veranstaltungen gab's auch) hat uns der Leiter der Sonderabteilung erzählt, dass sie verhaftet wurde, sie solle Agent des westlichen Spionagedienstes gewesen sein. Ich konnte nicht richtig daran glauben, sie hat uns irgendwie leid getan.

Auszüge aus "KARLSHORST"  Schule 113, Berlin-Karlshorst,

mit Erlaubnis von Pjanow S.

Pjanow Sergej

"Es ist wahr, dass die Gefühle mit zunehmendem Alter immer schärfer werden. Um so größer wird der Wunsch, die Luft seiner eigenen Kindheit zu „berühren“... Weil das die besten Jahre unserer Kindheit waren."

Stepanowa Irina

"Außer uns, die dort lebten, würde keiner verstehen, wie kann ein Land, das nicht deine Heimat ist, einem so am Herzen liegen."

Wladimir Koncedalow

"Wir haben uns zufällig kennen gelernt.

Es gab neben unserem Haus einen Platz im Park, wo sich Jugendliche trafen. Ich saß mal dort auf der Bank und las ein Buch. Jemand aus der Clique, die vorbeilief, bat mich um eine Zigarette. Als sie mitkriegten, dass ich ein Russe bin, rief ein Mädchen ihre Freundin:´ Elsa, Du wolltest ein russisches Mädchen kennen lernen, und hier ist ein Junge, und er sieht gar nicht übel aus! ´ Da kam Elsa und sagte auf Russisch, dass sie gerne russische Sprache lernen möchte. Ich sagte auf Deutsch, dass es gut ist. Da fing sie an, so schnell zu sprechen, dass ich kein Wort verstand. Später habe ich erfahren, dass es im Deutschen viele Dialekte gibt. Wir lernten Hochdeutsch, und Elsa sprach Sächsisch oder so. Elsa war Studentin des ersten Studienjahres der Technischen Hochschule. Sie musste verschiedene Artikel aus dem Deutschen ins Russische übersetzen und umgekehrt. Gleich auf der Bank half ich ihr beim Übersetzen eines Artikels. Dann gab sie mir ihre Telefonnummer. Wir trafen uns hauptsächlich im Park, aber einmal habe ich sie zu mir nach Hause eingeladen. Als sie das zweite Mal kam, erfuhr mein Vater davon, brachte mir eine Dienstanweisung und las vor: 'Um das Regime der Geheimhaltung zu gewährleisten, wird hiermit angeordnet, die nichtorganisierten Kontakte des privaten Charakters des Personalbestandes völlig auszuschließen oder einzuschränken, nämlich Kontakte der Offiziere und ihrer Familienangehörigen mit der einheimischen Bevölkerung, die ihrerseits Kontakte mit ihren Verwandten in BRD und mit dem Spionagedienst haben können. Die Kontrolle über die Einhaltung dieser Dienstanweisung sollen die Einheiten der Sonderabteilung und Politabteilung mit Heranziehen der Öffentlichkeit übernehmen.´ Und noch hat mein Vater gesagt, dass schon nicht nur einer, der versucht hat mit einer Deutschen was anzufangen, 24 St. für die Vorbereitungen bekam und irgendwo im Gebiet nördlich des Polarkreises oder in Kasandshik landete, wo man das Wasser aus dem Brunnen holen musste.Darauf antwortete ich, dass ich nicht vereidigt bin. ´Das betrifft uns alle! Ist das klar?!´- fragte mein Vater. Als ich Elsa davon erzählt habe, hat sie nur gelacht und gesagt, dass wir uns nun bei ihr treffen können."

Pjanow Sergej

"Ich weiß noch, wie unsere Pionierleiterin mich zusammengestaucht hat, weil ich im blauen Boyscouthalstuch gekommen war. Mein rotes habe ich damals meinem deutschen Freund geschenkt, und in seiner Schule hat man das gutgeheißen."

Krasnozwetow Sergej

"Als ich in die UdSSR zurückkam,

war ich sehr erstaunt, dass die Schüler dort keine roten Halstücher umhatten. Ich stand ziemlich allein da, bis zwei befreundete Mädchen zu mir kamen und sagten: ´Es wäre besser, wenn du dieses rote Läppchen ausziehen würdest.´ Und am nächsten Tag kamen zwei Jungs zu mir und fragten:´Wer ist hier Pionier? Der da?´ Und einer von den beiden hat mir dann eine reingehauen".

Sergej Pijanow

"Äther im Zentrum Europas war überfüllt.

Hier konnte man hören, was man wollte. Wir, wie die anderen auch brachten aus der UdSSR Rundfunkgerät, das am Tage ständig eingeschaltet war. Meistens war es auf „Wolga“ eingestellt, wo interessante Programme für die Militärangehörigen ausgestrahlt wurden. Aber auch deutsche Radioprogramme haben wir uns wegen guter Musik angehört. Einmal war ich zu Hause mit meinem deutschen Freund, und das Radio war auf eine deutsche Funkstation eingestellt. Als die Musik zu Ende war, fing eine samtweiche Männerstimme an, etwas auf Deutsch zu verkünden. Die Augen meines Freundes wurden rund wie Illuminationslämpchen und empört fragte er mich: ´Warum hörst du dir das an?!!!´ Es stellte sich heraus, dass das die westliche Funkstation„RIAS-Berlin“ war, und es gab noch „RIAS-1“ und „RIAS-2“, die in der DDR als subversiv galten, und die man als Ostdeutscher nicht hören durfte. Das wusste ich ja gar nicht! Politik und Nachrichten waren mir damals egal, ich wollte nur Musik hören. Im Fernsehen konnten wir auch Ost wie West empfangen. Und mit den Reizen der TV-Werbung wurden wir eher als unsere sowjetischen Altersgenossen bekannt gemacht. ´Baden mit BADUSAN! BA – DU – SAN!´ wurde uns täglich eingehämmert."

Krasnozwetow Sergej

"Und an einen Frisiersalon kann ich mich noch gut erinnern.

Das war ein Familienunternehmen. Der Besitzer - ein älterer Herr –, und zwei seine Angestellten. An der Wand über dem Arbeitstisch fiel mir eine umrahmte Urkunde auf. Merkwürdig war, dass der Text auf dem Hintergrund mit kaum bemerkbarem Hakenkreuz gedruckt war. Das Vorhandensein im Frisiersalon einer solchen „Rarität“ erschrak mich. Ich fragte mich, was könnte denn das bedeuten, für welche Verdienste bekam der Besitzer diese Urkunde. Und obwohl ich es nicht genau wusste, war er für mich sicherheitshalber ein Nazi. Und da habe ich mich nicht getäuscht. Ich war mal bei seinem Angestellten zum Rasieren und ganz zufällig im Spiegel konnte ich beobachten, wie er seinem Chef auf mich zeigt und eine ausdrucksvolle Geste macht, als würde er die Kehle mit Rasierklinge durchschneiden. Und der andere schmunzelt und nickt. Da dachte ich, es wird aber gefährlich hier. Wer weiß, was die sich dabei denken. Seitdem ging ich in den Salon in der Hermann-Dunker Strasse..."
Alltag DDR
wwww.pflug-ev.de
HAUS DER GESCHICHTE  Lutherstadt Wittenberg

Auszüge aus lebensgeschichtlichen Interviews :

"Russen und Deutsche im Alltag in Wittenberg"

Schule GSSD Nr.19, Lutherstadt Wittenberg mit Erlaubnis von Alla Emeljanowa

Tschubakow Alexej

Bei uns war damals

( im Jahre 1991, 7 Klasse) üblich sich im Rahmen des „Alltagsaustauschs“ mit deutschen Gleichaltrigen gegenseitig zu besuchen. So waren wir öfters in der Schule „August Bebel“ , und die Schüler dieser Schule bei uns. Dabei musste man „unbedingt“ was mitbringen, als Geschenk. Beim Betreten des Klassenraumes suchte sich jeder einen beliebigen Schüler aus, mit dem man dann die ganze Zeit des Schulbesuches zusammen war. Du hast ihm dein Souvenir geschenkt, und er dir seins. Wir, Jungs, haben uns immer den Partner nach der Größe des Geschenks ausgesucht. Ich weiß noch, wie ich es nicht „geschafft“ hab, mir einen Jungen zu „schnappen“, der auf seinem Tisch ein riesiges Spielzeugauto stehen hatte. Das bekam mein Freund. Ich habe meinem Partner einen Salzstreuer geschenkt, und er mir einen Luftballon, wo eine ganze Menge verschiedenster Süßigkeiten drin war, das war ... so wunderschön gestaltet, ... das sah einfach sehr gut aus! Bei uns gab's mal einen Vorfall. Ein Junge wusste nicht, was er schenken sollte, weil seine Eltern gerade nicht zu Hause waren. Von daher hat er sein Pionierhalstuch verschenkt. Das gab einen Riesenärger... Dabei schenkten uns die deutschen Schüler ihre blauen Boyscout- Halstücher. Schade, dass ich meins dann irgendwann versiebt habe! Solche Freundschaften gab's damals bei uns mit deutschen Schülern! Das war eine schöne Zeit!

Beresan Alex

In unserer Zeit (67-72) gab's noch keine privaten

Beziehungen.

Unter Offizieren wurden sie nicht gerade gefördert. Von daher gab's verschiedene Politabteilungen, die dafür sorgten, dass es solche Beziehungen nicht gab. Das rührte aus den Zeiten des Stalinterrors her, als Kontakte mit Ausländern als Heimatverrat interpretiert wurden. Mit Kindern war alles einfacher. Formale Beziehungen gab's immer. Irgendwelche gemeinsamen Veranstaltungen, größtenteils sportliche Feste u s.w. Im Pionierlager haben wir öfters zusammen mit deutschen Kindern Fußball oder Volleyball gespielt. In einem deutschen Pionierlager habe ich das erste Mal in meinem Leben Bowling gespielt. Und in einem internationalen Pionierlager „Rosa Luxemburg“ gab's Freundschaftstreffen mit deutschen Pionieren, die eigentlich keine Deutschen waren, sondern, wenn ich mich nicht irre, ethnische Serben, die in dem Ort wohnten. Jedenfalls waren sie Slawen und haben ähnliche Sprache wie wir gesprochen. An die privaten Beziehungen kann ich mich nicht erinnern. Neben unserem Kontrollpunkt (die Kreuzung Thomas Münzer Strasse und Telmannstrasse) spielten öfters deutsche Kinder aus dem Nachbarhaus. Wir wechselten ab und zu ein paar Worte mit einander, mehr war da nicht drin. Im Jahre 1973 wohnte ich schon in Potsdam. Mit 15 wollte man schon sein eigenes Taschengeld verdienen. So haben wir bei der Erntehilfe mitgemacht. Zusammen mit deutschen Schülern. Einmal haben ich und mein Kumpel den Zug verpasst. Und zwei deutsche Mädchen, die mit uns arbeiteten, auch. Und als Leidensgefährten haben wir schnell gemeinsame Sprache gefunden. Wir sind dann im Park spazieren gegangen, und so verbrachten wir fast den ganzen Tag zusammen. Beim Abschied hat mir das Mädchen, das ich kennen gelernt habe, eine Kette mit Anhänger geschenkt, und ich ihr eine Kette mit Medaillon mit Prägung des Denkmals der Völkerschlacht in Leipzig. Und noch in einer Woche bin ich nach UdSSR abgereist, für immer, wie man damals dachte. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Kalnik Alex

Ich weiß noch, dass meine Eltern deutsche Freunde

hatten.

Unser Städtchen wurde umzäunt, und die Kinder durften nicht raus. Wir sind aber doch regelmäßig über den Zaun abgehauen, und dann zum See. Direkt hinter unserem Zaun wohnte eine deutsche Familie. Sie hatten in ihrem Garten schöne Blumen. Wir, Jungs, haben uns öfters mit dem alten Mann unterhalten. Es gab dann mal ein Fest, und wir haben ihn gebeten, uns ein paar Blumen zu geben. Er hat dann jedem von uns einen kleinen Strauss aus Tulpen geschenkt ?. Aus UdSSR versuchten wir immer schöne Souvenirs mitzubringen, da wir regelmäßig Freundschaftstreffen hatten. Auf solch einem Treffen haben ich und mein Partner unsere Pionierhalstücher ausgetauscht. Und es gab kein Ärger! Das Halstuch habe ich heute noch. Ich werde es nie vergessen, wie herzlich und mit welcher menschlichen Wärme deutsche Ärzte aus der Nachbarklinik mich aufnahmen, als ich zu ihnen mit einer Verletzung eingewiesen wurde. Überall, wo wir waren, waren die Leute ausgesprochen freundlich zu uns! Das waren die besten Jahre meiner Kindheit. Nach der Rückkehr in die UdSSR war ich sogar eine bestimmte Zeit lang von meinem Land und von meinen Landsleuten enttäuscht, aber das ist schon eine andere Geschichte.

Lena Kruglowa

Was die Freundschaft anbelangt.

Zu unserer Zeit (77-80) gab es auch offizielle „Freundschaften“ mit den deutschen Schülern. Das war teilweise ziemlich interessant. Wir hatten in der Regel gemeinsamen Bastelunterricht (wir bastelten zusammen verschiedene Herzchen-Täschchen aus buntem Lederimitat, zum Beispiel.) Unter anderem besuchte ich einen Fotozirkel auf der Station der jungen Techniker. Auf meiner Internetseite gibt es Fotos, die wir in diesem Studio gemacht haben. Was die Namen anbelangt, kann ich mich nur noch an zwei deutsche Mädchen erinnern: Karina-eins und Karina-zwei ?. Und nicht „offizielle“ Freundschaften fanden am Zaun statt. An den Zaun des „Grossen Gartens“ grenzten Kleingärten an, wohin deutsche Kinder mit ihren Eltern arbeiten kamen. So am Zaun versuchten wir mit unseren deutschen Altersgenossen zu kommunizieren.

Irina Smirnowa

Wir wohnten (73-76) in einem Haus am Zaun, der deutsches Territorium von unserem trennte. Drüben stand ein Häuschen, wo Deutsche wohnten. Es gab Ostern. Ich und meine Mutter standen am Fenster und beobachteten, wie deutsche Kinder Geschenke und Ostereier suchten, die ihre Großeltern für sie liebevoll vorbereitet und im Garten versteckt hatten. Das war völlig neu für uns. Diese Art, Ostern zu feiern. Dann beschlossen wir ihnen von unserer Seite auch was zu schenken. Wir hatten eine Matreschka. Da haben wir Konfekt reingepackt, wieder zugemacht und über den Zaun geworfen. Die Kinder haben sich gefreut.

Wladimir Ermakow

Wir trafen uns auch mit deutschen Schülern,

das war aber, als wir Pioniere waren, in älteren Klassen nicht mehr. Ich kann mich noch gut an eine Geschichte erinnern. Unsere Freundschaftstreffen hat immer eine deutsche Lehrerin organisiert, sie sprach gut Russisch, war sehr nett und freundlich. Später, das war im Jahre 1968, auf einem Treffen mit dem Kommandeur einer Garnison (solche Veranstaltungen gab's auch) hat uns der Leiter der Sonderabteilung erzählt, dass sie verhaftet wurde, sie solle Agent des westlichen Spionagedienstes gewesen sein. Ich konnte nicht richtig daran glauben, sie hat uns irgendwie leid getan.

Auszüge aus "KARLSHORST"  Schule 113, Berlin-

Karlshorst,

mit Erlaubnis von Pjanow S.

Pjanow Sergej

"Es ist wahr, dass die Gefühle mit zunehmendem Alter immer schärfer werden. Um so größer wird der Wunsch, die Luft seiner eigenen Kindheit zu „berühren“... Weil das die besten Jahre unserer Kindheit waren."

Stepanowa Irina

"Außer uns, die dort lebten, würde keiner verstehen, wie kann ein Land, das nicht deine Heimat ist, einem so am Herzen liegen."

Wladimir Koncedalow

"Wir haben uns zufällig kennen gelernt.

Es gab neben unserem Haus einen Platz im Park, wo sich Jugendliche trafen. Ich saß mal dort auf der Bank und las ein Buch. Jemand aus der Clique, die vorbeilief, bat mich um eine Zigarette. Als sie mitkriegten, dass ich ein Russe bin, rief ein Mädchen ihre Freundin:´ Elsa, Du wolltest ein russisches Mädchen kennen lernen, und hier ist ein Junge, und er sieht gar nicht übel aus! ´ Da kam Elsa und sagte auf Russisch, dass sie gerne russische Sprache lernen möchte. Ich sagte auf Deutsch, dass es gut ist. Da fing sie an, so schnell zu sprechen, dass ich kein Wort verstand. Später habe ich erfahren, dass es im Deutschen viele Dialekte gibt. Wir lernten Hochdeutsch, und Elsa sprach Sächsisch oder so. Elsa war Studentin des ersten Studienjahres der Technischen Hochschule. Sie musste verschiedene Artikel aus dem Deutschen ins Russische übersetzen und umgekehrt. Gleich auf der Bank half ich ihr beim Übersetzen eines Artikels. Dann gab sie mir ihre Telefonnummer. Wir trafen uns hauptsächlich im Park, aber einmal habe ich sie zu mir nach Hause eingeladen. Als sie das zweite Mal kam, erfuhr mein Vater davon, brachte mir eine Dienstanweisung und las vor: 'Um das Regime der Geheimhaltung zu gewährleisten, wird hiermit angeordnet, die nichtorganisierten Kontakte des privaten Charakters des Personalbestandes völlig auszuschließen oder einzuschränken, nämlich Kontakte der Offiziere und ihrer Familienangehörigen mit der einheimischen Bevölkerung, die ihrerseits Kontakte mit ihren Verwandten in BRD und mit dem Spionagedienst haben können. Die Kontrolle über die Einhaltung dieser Dienstanweisung sollen die Einheiten der Sonderabteilung und Politabteilung mit Heranziehen der Öffentlichkeit übernehmen.´ Und noch hat mein Vater gesagt, dass schon nicht nur einer, der versucht hat mit einer Deutschen was anzufangen, 24 St. für die Vorbereitungen bekam und irgendwo im Gebiet nördlich des Polarkreises oder in Kasandshik landete, wo man das Wasser aus dem Brunnen holen musste.Darauf antwortete ich, dass ich nicht vereidigt bin. ´Das betrifft uns alle! Ist das klar?!´- fragte mein Vater. Als ich Elsa davon erzählt habe, hat sie nur gelacht und gesagt, dass wir uns nun bei ihr treffen können."

Pjanow Sergej

"Ich weiß noch, wie unsere Pionierleiterin mich zusammengestaucht hat, weil ich im blauen Boyscouthalstuch gekommen war. Mein rotes habe ich damals meinem deutschen Freund geschenkt, und in seiner Schule hat man das gutgeheißen."

Krasnozwetow Sergej

"Als ich in die UdSSR zurückkam,

war ich sehr erstaunt, dass die Schüler dort keine roten Halstücher umhatten. Ich stand ziemlich allein da, bis zwei befreundete Mädchen zu mir kamen und sagten: ´Es wäre besser, wenn du dieses rote Läppchen ausziehen würdest.´ Und am nächsten Tag kamen zwei Jungs zu mir und fragten:´Wer ist hier Pionier? Der da?´ Und einer von den beiden hat mir dann eine reingehauen".

Sergej Pijanow

"Äther im Zentrum Europas war überfüllt.

Hier konnte man hören, was man wollte. Wir, wie die anderen auch brachten aus der UdSSR Rundfunkgerät, das am Tage ständig eingeschaltet war. Meistens war es auf „Wolga“ eingestellt, wo interessante Programme für die Militärangehörigen ausgestrahlt wurden. Aber auch deutsche Radioprogramme haben wir uns wegen guter Musik angehört. Einmal war ich zu Hause mit meinem deutschen Freund, und das Radio war auf eine deutsche Funkstation eingestellt. Als die Musik zu Ende war, fing eine samtweiche Männerstimme an, etwas auf Deutsch zu verkünden. Die Augen meines Freundes wurden rund wie Illuminationslämpchen und empört fragte er mich: ´Warum hörst du dir das an?!!!´ Es stellte sich heraus, dass das die westliche Funkstation„RIAS-Berlin“ war, und es gab noch „RIAS-1“ und „RIAS-2“, die in der DDR als subversiv galten, und die man als Ostdeutscher nicht hören durfte. Das wusste ich ja gar nicht! Politik und Nachrichten waren mir damals egal, ich wollte nur Musik hören. Im Fernsehen konnten wir auch Ost wie West empfangen. Und mit den Reizen der TV-Werbung wurden wir eher als unsere sowjetischen Altersgenossen bekannt gemacht. ´Baden mit BADUSAN! BA – DU – SAN!´ wurde uns täglich eingehämmert."

Krasnozwetow Sergej

"Und an einen Frisiersalon kann ich mich noch gut

erinnern.

Das war ein Familienunternehmen. Der Besitzer - ein älterer Herr –, und zwei seine Angestellten. An der Wand über dem Arbeitstisch fiel mir eine umrahmte Urkunde auf. Merkwürdig war, dass der Text auf dem Hintergrund mit kaum bemerkbarem Hakenkreuz gedruckt war. Das Vorhandensein im Frisiersalon einer solchen „Rarität“ erschrak mich. Ich fragte mich, was könnte denn das bedeuten, für welche Verdienste bekam der Besitzer diese Urkunde. Und obwohl ich es nicht genau wusste, war er für mich sicherheitshalber ein Nazi. Und da habe ich mich nicht getäuscht. Ich war mal bei seinem Angestellten zum Rasieren und ganz zufällig im Spiegel konnte ich beobachten, wie er seinem Chef auf mich zeigt und eine ausdrucksvolle Geste macht, als würde er die Kehle mit Rasierklinge durchschneiden. Und der andere schmunzelt und nickt. Da dachte ich, es wird aber gefährlich hier. Wer weiß, was die sich dabei denken. Seitdem ging ich in den Salon in der Hermann-Dunker Strasse..."
Alltag DDR