Öffnungszeiten Montag - Sonntag: 10:00-18:00 Uhr Feiertags: 10:00-18:00 Uhr  Tel: 03491-40 90 04 Fax: 03491-6429235 HAUS DER GESCHICHTE  Lutherstadt Wittenberg

Auszüge aus lebensgeschichtlichen Interviews : 

"Als ich Kind war in den 20er bis 40er Jahren"

Hildegard W. (Jg. 1916)

Wenn ich aus der Schule kam, hatte ich meine Tour zum Zeitungsaustragen

"1923 gingen die Eltern nach Wittenberch, wo auch Verwandte von Vater wohnten. 1924 holten sie mich auch, und so ging ich ab 1924 in die Katholische Schule. Wir war'n zwei Klassen, eine Klasse für die Großen und eine Klasse für die Kleinen, so zirka 90 Schulkinder. Anfangs fiel es mir hier schwer, weil ich die Kinder schlecht verstand. Ich hatte ja zu Hause nur Platt jesprochen. Und wir hatten zu Hause nur bis zwanzich gerechnet, und in Wittenberg war 's schon bis hundert. Aber ich habe das schnell nachgeholt und bin gern zur Schule gegangen. Mein Vater hat Zeitungen ausgetragen. Er hatte mittachs eine große Tour nach Piesteritz und Apollensdorf. Wenn er im Winter wegen hohem Schnee bis zum Austragen der Abendzeitung noch nich' zu Hause war, musste ich die Abendzeitung austragen von achtzehn bis neunzehn Uhr unjefähr. Dann wurden die Schularbeiten gemacht. Meine Mutter war zu Hause und hat für ein Handarbeitsgeschäft gehäkelt und gestrickt. Ich habe für eine Familie noch die Kohlen hoch geholt, bin einkaufen gegangen und habe den Hund ausgeführt. Dafür bekam ich 25 Pfennig pro Tag. Mein Vater starb im Februar 1927, das war sehr schlimm für uns, denn es gab ja damals keine Unterstützung. Wir hätten täglich Mittagessen aus der Wohlfahrtsküche holen können, aber das wollte meine Mutter auf gar keinen Fall. Sie trug dann die Zeitungen aus. Wenn ich aus der Schule kam, hatte ich meine Tour zum Zeitung austragen. Dann ging ich ins Handarbeitsgeschäft die Wege besorgen, und dafür bekam ich täglich 20 Pfennich. Nach der vierten Klasse bekam ich das Angebot für eine Freistelle im Lyzeum. Als ich meiner Mutter das erzählte, sagte sie: 'Nein, dann kannst du nicht mehr mit Schürze in die Schule gehen, und so viel Geld für neue Sachen, das ha'm wir doch nicht. Das sind alles Kinder aus besseren Häusern, die gehen nicht mit der Schürze zur Schule.' So ging ich weiter in die Katholische Schule. Es hat weh getan, aber es nützte doch nüscht."

Otto F. (Jg. 1924)

Wir gingen in den evangelischen Kindergarten zu Schwester Elisabeth

"Meine Mutter hatte als Handwerkerkfrau mitzuarbeiten in der Werkstatt, und im Laden die Kundschaft zu bedienen. Sie hatte also nicht viel Zeit für uns, und deshalb mussten wir in den Kindergarten. Meine große Schwester Annemarie und ich, wir gingen in den evangelischen Kindergarten, in das Katharinen-Stift vom Paul-Gerhardt-Stift zu Schwester Elisabeth. Dort war es schön. Wir hatten zwar nicht viel Spielzeug, wir haben viel gesungen und Sternchen geschnippelt und so was gemacht. In der Adventszeit war dann ein Basar. Dort konnte man Basteleien der Diakonissenschwestern kaufen wie Krippen und Kerzenständer und Transparentpapierleuchter. Wir waren dort alles Kinder von Geschäftsleuten und von Handwerkern."

Hans-Joachim K. (Jg.1935)

Diese Weihnachten 1941, die sind mir so in Erinnerung geblieben

"Wir wohnten unterm Dach in einem Mietshaus in Kleinwittenberg und hatten ein Zimmer, eine schräge Küche und zwei Dachkammern. Wasseranschluss war auf dem Hof, Abfluss und Gas gab es nicht. 1939 wurde mein Bruder geboren, und gleich darauf wurde unser Vater eingezogen. Im Haus war er der einzige Mann, der gleich Soldat wurde. Keiner nahm Rücksicht auf meine Mutter und uns zwei Kinder, im Gegenteil. Weihnachten, das war '41, mein Vater hatte Urlaub gekricht und musste am ersten Weihnachtsfeiertag zurück an die Front. Und zu dieser Weihnachtsfeier - da habe ich meinen Puppenwagen geschenkt gekricht und dazu noch eine Puppe. Die habe ich noch, meine Puppe. Und diese Weihnachten, die sind mir so in Erinnerung geblieben. Mein Vater hat gesagt, dass wir ihn nur zum Bahnhof bringen dürfen, wenn niemand weint. Da stand dann hier in Kleinwittenberg der Zug, und am Bahnhof hing ein Transparent 'Die Räder rollen für den Sieg'. Wir haben uns umgedreht und sind weggegangen, als der Zug abfuhr. Und auf dem Weg nach Hause haben wir alle fürchterlich geweint. Das vergisst man nie, das war so ein trauriges Weihnachten!"

Brigitte M. (Jg. 1935)

Meine Freundin tot und ich hatte den Arm ab.

"Bis 1945 haben wir in Teuchel gelebt, bis ich dann meinen Unfall zum Kriegsende hatte. Das war in den letzten Kriegstagen, im April, beim Beschuss von Wittenberg. Wir holten noch aus Wittenberg Butter, Zucker und andere Lebensmittel mit dem Fahrrad. Und beim Wegräumen der Fahrräder, hörten wir plötzlich Geräusche. Das waren so summende Geräusche. Und plötzlich einen Knall. Und dann war alles passiert. Meine Freundin tot und ich hatte den Arm ab. Wir zwei Mädchen hatten kurzzeitig gespielt, nachdem wir die Räder wegjestellt hatten. Wir hatten Hasche zwischen den Bäumen jespielt. Meine Freundin stand vor dem Baum und hielt den fest. Und dann das Geräusch, ich bin ausgerissen, vor diesem Pfeifen. Ich hatte Angst und wollte ins Haus. Und dann kurz vor dem Haus bin ich gestürzt, dieser Volltreffer ging auch in die Pumpe, die auf dem Hof stand. Das Wasser kam in Fontänen aus dem Brunnen. Überall Wasser. Ich wollte ausweichen, dann hat's mich aber umgeschmissen. Und dann lag ich in dieser Suppe, überall Dreck! Ich wollte aufsteh'n und merkte, der Arm war weg, er war beschädigt. Meine Mutter, die kam gleich runterjestürzt, als es krachte und auch die Mutter meiner Freundin. Und die hat dann ..., das habe ich heute noch im Ohr, wie die offjeschrien hat, als die ihr Kind da liegen sah!"

Reinhard Sch, (Jg. 1941)

Mit sechs Leuten in zwei Zimmerchen

"Am 26. Januar 1945 mussten wir unsere sieben Sachen packen und Schlesien verlassen. Bis zum Mittag sollten wir raus sein. Es sollte ja nicht für lange Zeit sein, wir sollten nur nicht den Russen in die Hände fallen. Die haben uns dann unterwegs eingeholt, unsere Pferde und unseren Wagen weggenommen. Dann besaßen wir nur noch unsere nackte Haut und unsere Betten. Wir haben uns dann einen Handwagen 'besorgt'. Wir kamen hier in Wittenberg mit dem Zug an und wurden von Verwandten aufgenommen, die selbst nur zwei schräge Kammern unter'm Dach bewohnten. In diesen zwei Mansarden wohnten wir vier Monate mit neun Personen. Geschlafen wurde auf Stroh auf dem Fußboden, und beim Essen wurde sich abgewechselt. Die Erwachsenen hatten Bänke gezimmert, damit man sich hinsetzen konnte. Essen war sehr knapp, wir waren manchmal froh, wenn man beim Pferdeschlächter was ergattern konnte. Mit einem Flüchtlingspass konnte man dann von der Volkssolidarität im Schlossgarten was bekommen zum Wohnen; z.B. einen Tisch, Teller, Besteck, Bettwäsche oder auch Unterwäsche. Da kann ich mich noch erinnern, dass meine Mutter Unterwäsche für mich wollte. Und die sagten: 'Der bekommt einen Hampelmann.' Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt, weil ich ja was zum Anziehen brauchte und keinen Hampelmann zum Spielen, aber die meinten ja Unterwäsche. Später bekamen wir dann ein Behelfsheim am Lerchenberg zugewiesen. Dort zogen wir dann mit sechs Leuten in zwei Zimmerchen. Oma, Opa, Mutter und wir drei Kinder. Vater war noch in Gefangenschaft. Es gab keinen Ofen, keinen Strom, kein Wasser und keine Toilette in dem Behelfsheim, und trotzdem waren wir froh, es zu besitzen."

Siegrid S. (Jg. 1937)

Wir ha'm tüchtig jeteilt, trotzdem wir selber nich' viel hatten

"Ich ging ich in Friedrichstadt in die Elstervorstadt-Schule. Als der Kriech zu Ende war, dann ha'm wir Pausenversorgung jekricht. Da gab's jeden Tag ein Milchbrötchen. Und wer sehr unterernährt war, der hat zwee'e jekricht. Da war ich dabei. Wenn welche jefehlt ha'm oder krank war'n, da wurde die Pausenversorgung verteilt. Und dann ha'm mer Umsiedlerkinder dazu jekricht, die ooch etwas älter waren wie wir, aber die eben auf der Flucht die Eltern verloren hatten oder bei den Großeltern aufjezogen wurden. Da jing er bei mir in die Klasse, der war bei seinem Opa. Das fanden irgendwie alle sehr in Ordnung, das war der Ewald. Der Opa hatte den Jungen, noch die Schwester vom Ewald und noch 'ne Nichte. Er selbst war schon über 70 Jahre. Die hatten wirklich bloß das, was sie anhatten. Der Junge hatte ooch bloß 'ne kaputte Hose, das Hemd und die Schuhe. Da ha'm mer noch in der Klasse jesammelt, und jeder hat was jebracht, dass der was krichte, dass er angezogen ging und nicht so abstach von den anderen. Das fand ich irgendwie damals schon sehr in Ordnung, denn der Opa hatte ihm een paar Hosen von sich angezogen, die Beene abgeschnitten. Der hat selber jestopft und jenäht. Und irgendwie, wir waren da nich' jehässig oder was, wir haben das akzeptiert und haben ihm dann auch geholfen, und er hat sich ooch jefreut. Unsere Direktorin, die Frau Lukas, die hat selbst 'in Jungen dann bei sich aufjenommen. Da ha'm mer immer erst den so en bisschen schief anjeguckt. Da ha'm wir gedacht, der is' bei der Direktorin, der is' irgendwie etwas Anderes. Aber er war ooch schlicht und einfach. Wir sind mit den Kindern sehr jut ausgekommen. Und wir ha'm denen ooch was zu essen mitgebracht, mal 'ne Mohrrübe oder was, weil wir selber ooch 'in bisschen Garten hatten. Wir ha'm tüchtig jeteilt, trotzdem wir selber nich' viel hatten. "

Alfred L. (Jg. 1933)

Trainingshose und Gummischuhe zur Konfirmation 1947

"In die Kirche musste ich ja immer gehen und denn zum Konfirmandenunterricht. Vor der Prüfung hab ich genau so gezittert, wie vor dem anderen auch, und vorbereiten mußt' mer uns eben da droff. Und denn, meine Mutter krichte ein Bezugsschein für mich zur Konfirmation. Und da mussten wir nach Radis fahren, und dort kriegte ich eine neue Trainingshose zu kaufen zur Konfirmation. Und die hab ich dann an gehabt. Und ein paar Gummischuh hab ich gehabt, die wurden hier im Gummiwerk hergestellt. Gummi, direkt schwarzer Gummi. Die kamen 300,00 Mark. Die haben wir noch gekauft, dass ich noch 'in paar Schuhe hatte. `in Kamm, der kam 30,00 Mark, auch von Gummiwerk hier. Trainingshose und Gummischuhe, aber 'n Schlips, so was hab ich überhaupt nicht umgehabt. Mutter war mitgegangen, und die Paten waren da. Geschenke, nee, wir haben bloß geguckt nach 'in bisschen Geld. Das war Alliiertengeld. Ich hatte, das weiß ich noch, über 6000 Mark. Aber das hatte ja keenen Wert."
Alltag DDR
wwww.pflug-ev.de
HAUS DER GESCHICHTE  Lutherstadt Wittenberg

Auszüge aus lebensgeschichtlichen Interviews : 

"Als ich Kind war in den 20er bis 40er Jahren"

Hildegard W. (Jg. 1916)

Wenn ich aus der Schule kam, hatte ich meine Tour zum

Zeitungsaustragen

"1923 gingen die Eltern nach Wittenberch, wo auch Verwandte von Vater wohnten. 1924 holten sie mich auch, und so ging ich ab 1924 in die Katholische Schule. Wir war'n zwei Klassen, eine Klasse für die Großen und eine Klasse für die Kleinen, so zirka 90 Schulkinder. Anfangs fiel es mir hier schwer, weil ich die Kinder schlecht verstand. Ich hatte ja zu Hause nur Platt jesprochen. Und wir hatten zu Hause nur bis zwanzich gerechnet, und in Wittenberg war 's schon bis hundert. Aber ich habe das schnell nachgeholt und bin gern zur Schule gegangen. Mein Vater hat Zeitungen ausgetragen. Er hatte mittachs eine große Tour nach Piesteritz und Apollensdorf. Wenn er im Winter wegen hohem Schnee bis zum Austragen der Abendzeitung noch nich' zu Hause war, musste ich die Abendzeitung austragen von achtzehn bis neunzehn Uhr unjefähr. Dann wurden die Schularbeiten gemacht. Meine Mutter war zu Hause und hat für ein Handarbeitsgeschäft gehäkelt und gestrickt. Ich habe für eine Familie noch die Kohlen hoch geholt, bin einkaufen gegangen und habe den Hund ausgeführt. Dafür bekam ich 25 Pfennig pro Tag. Mein Vater starb im Februar 1927, das war sehr schlimm für uns, denn es gab ja damals keine Unterstützung. Wir hätten täglich Mittagessen aus der Wohlfahrtsküche holen können, aber das wollte meine Mutter auf gar keinen Fall. Sie trug dann die Zeitungen aus. Wenn ich aus der Schule kam, hatte ich meine Tour zum Zeitung austragen. Dann ging ich ins Handarbeitsgeschäft die Wege besorgen, und dafür bekam ich täglich 20 Pfennich. Nach der vierten Klasse bekam ich das Angebot für eine Freistelle im Lyzeum. Als ich meiner Mutter das erzählte, sagte sie: 'Nein, dann kannst du nicht mehr mit Schürze in die Schule gehen, und so viel Geld für neue Sachen, das ha'm wir doch nicht. Das sind alles Kinder aus besseren Häusern, die gehen nicht mit der Schürze zur Schule.' So ging ich weiter in die Katholische Schule. Es hat weh getan, aber es nützte doch nüscht."

Otto F. (Jg. 1924)

Wir gingen in den evangelischen Kindergarten zu

Schwester Elisabeth

"Meine Mutter hatte als Handwerkerkfrau mitzuarbeiten in der Werkstatt, und im Laden die Kundschaft zu bedienen. Sie hatte also nicht viel Zeit für uns, und deshalb mussten wir in den Kindergarten. Meine große Schwester Annemarie und ich, wir gingen in den evangelischen Kindergarten, in das Katharinen-Stift vom Paul-Gerhardt-Stift zu Schwester Elisabeth. Dort war es schön. Wir hatten zwar nicht viel Spielzeug, wir haben viel gesungen und Sternchen geschnippelt und so was gemacht. In der Adventszeit war dann ein Basar. Dort konnte man Basteleien der Diakonissenschwestern kaufen wie Krippen und Kerzenständer und Transparentpapierleuchter. Wir waren dort alles Kinder von Geschäftsleuten und von Handwerkern."

Hans-Joachim K. (Jg.1935)

Diese Weihnachten 1941, die sind mir so in Erinnerung

geblieben

"Wir wohnten unterm Dach in einem Mietshaus in Kleinwittenberg und hatten ein Zimmer, eine schräge Küche und zwei Dachkammern. Wasseranschluss war auf dem Hof, Abfluss und Gas gab es nicht. 1939 wurde mein Bruder geboren, und gleich darauf wurde unser Vater eingezogen. Im Haus war er der einzige Mann, der gleich Soldat wurde. Keiner nahm Rücksicht auf meine Mutter und uns zwei Kinder, im Gegenteil. Weihnachten, das war '41, mein Vater hatte Urlaub gekricht und musste am ersten Weihnachtsfeiertag zurück an die Front. Und zu dieser Weihnachtsfeier - da habe ich meinen Puppenwagen geschenkt gekricht und dazu noch eine Puppe. Die habe ich noch, meine Puppe. Und diese Weihnachten, die sind mir so in Erinnerung geblieben. Mein Vater hat gesagt, dass wir ihn nur zum Bahnhof bringen dürfen, wenn niemand weint. Da stand dann hier in Kleinwittenberg der Zug, und am Bahnhof hing ein Transparent 'Die Räder rollen für den Sieg'. Wir haben uns umgedreht und sind weggegangen, als der Zug abfuhr. Und auf dem Weg nach Hause haben wir alle fürchterlich geweint. Das vergisst man nie, das war so ein trauriges Weihnachten!"

Brigitte M. (Jg. 1935)

Meine Freundin tot und ich hatte den Arm ab.

"Bis 1945 haben wir in Teuchel gelebt, bis ich dann meinen Unfall zum Kriegsende hatte. Das war in den letzten Kriegstagen, im April, beim Beschuss von Wittenberg. Wir holten noch aus Wittenberg Butter, Zucker und andere Lebensmittel mit dem Fahrrad. Und beim Wegräumen der Fahrräder, hörten wir plötzlich Geräusche. Das waren so summende Geräusche. Und plötzlich einen Knall. Und dann war alles passiert. Meine Freundin tot und ich hatte den Arm ab. Wir zwei Mädchen hatten kurzzeitig gespielt, nachdem wir die Räder wegjestellt hatten. Wir hatten Hasche zwischen den Bäumen jespielt. Meine Freundin stand vor dem Baum und hielt den fest. Und dann das Geräusch, ich bin ausgerissen, vor diesem Pfeifen. Ich hatte Angst und wollte ins Haus. Und dann kurz vor dem Haus bin ich gestürzt, dieser Volltreffer ging auch in die Pumpe, die auf dem Hof stand. Das Wasser kam in Fontänen aus dem Brunnen. Überall Wasser. Ich wollte ausweichen, dann hat's mich aber umgeschmissen. Und dann lag ich in dieser Suppe, überall Dreck! Ich wollte aufsteh'n und merkte, der Arm war weg, er war beschädigt. Meine Mutter, die kam gleich runterjestürzt, als es krachte und auch die Mutter meiner Freundin. Und die hat dann ..., das habe ich heute noch im Ohr, wie die offjeschrien hat, als die ihr Kind da liegen sah!"

Reinhard Sch, (Jg. 1941)

Mit sechs Leuten in zwei Zimmerchen

"Am 26. Januar 1945 mussten wir unsere sieben Sachen packen und Schlesien verlassen. Bis zum Mittag sollten wir raus sein. Es sollte ja nicht für lange Zeit sein, wir sollten nur nicht den Russen in die Hände fallen. Die haben uns dann unterwegs eingeholt, unsere Pferde und unseren Wagen weggenommen. Dann besaßen wir nur noch unsere nackte Haut und unsere Betten. Wir haben uns dann einen Handwagen 'besorgt'. Wir kamen hier in Wittenberg mit dem Zug an und wurden von Verwandten aufgenommen, die selbst nur zwei schräge Kammern unter'm Dach bewohnten. In diesen zwei Mansarden wohnten wir vier Monate mit neun Personen. Geschlafen wurde auf Stroh auf dem Fußboden, und beim Essen wurde sich abgewechselt. Die Erwachsenen hatten Bänke gezimmert, damit man sich hinsetzen konnte. Essen war sehr knapp, wir waren manchmal froh, wenn man beim Pferdeschlächter was ergattern konnte. Mit einem Flüchtlingspass konnte man dann von der Volkssolidarität im Schlossgarten was bekommen zum Wohnen; z.B. einen Tisch, Teller, Besteck, Bettwäsche oder auch Unterwäsche. Da kann ich mich noch erinnern, dass meine Mutter Unterwäsche für mich wollte. Und die sagten: 'Der bekommt einen Hampelmann.' Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt, weil ich ja was zum Anziehen brauchte und keinen Hampelmann zum Spielen, aber die meinten ja Unterwäsche. Später bekamen wir dann ein Behelfsheim am Lerchenberg zugewiesen. Dort zogen wir dann mit sechs Leuten in zwei Zimmerchen. Oma, Opa, Mutter und wir drei Kinder. Vater war noch in Gefangenschaft. Es gab keinen Ofen, keinen Strom, kein Wasser und keine Toilette in dem Behelfsheim, und trotzdem waren wir froh, es zu besitzen."

Siegrid S. (Jg. 1937)

Wir ha'm tüchtig jeteilt, trotzdem wir selber nich' viel

hatten

"Ich ging ich in Friedrichstadt in die Elstervorstadt-Schule. Als der Kriech zu Ende war, dann ha'm wir Pausenversorgung jekricht. Da gab's jeden Tag ein Milchbrötchen. Und wer sehr unterernährt war, der hat zwee'e jekricht. Da war ich dabei. Wenn welche jefehlt ha'm oder krank war'n, da wurde die Pausenversorgung verteilt. Und dann ha'm mer Umsiedlerkinder dazu jekricht, die ooch etwas älter waren wie wir, aber die eben auf der Flucht die Eltern verloren hatten oder bei den Großeltern aufjezogen wurden. Da jing er bei mir in die Klasse, der war bei seinem Opa. Das fanden irgendwie alle sehr in Ordnung, das war der Ewald. Der Opa hatte den Jungen, noch die Schwester vom Ewald und noch 'ne Nichte. Er selbst war schon über 70 Jahre. Die hatten wirklich bloß das, was sie anhatten. Der Junge hatte ooch bloß 'ne kaputte Hose, das Hemd und die Schuhe. Da ha'm mer noch in der Klasse jesammelt, und jeder hat was jebracht, dass der was krichte, dass er angezogen ging und nicht so abstach von den anderen. Das fand ich irgendwie damals schon sehr in Ordnung, denn der Opa hatte ihm een paar Hosen von sich angezogen, die Beene abgeschnitten. Der hat selber jestopft und jenäht. Und irgendwie, wir waren da nich' jehässig oder was, wir haben das akzeptiert und haben ihm dann auch geholfen, und er hat sich ooch jefreut. Unsere Direktorin, die Frau Lukas, die hat selbst 'in Jungen dann bei sich aufjenommen. Da ha'm mer immer erst den so en bisschen schief anjeguckt. Da ha'm wir gedacht, der is' bei der Direktorin, der is' irgendwie etwas Anderes. Aber er war ooch schlicht und einfach. Wir sind mit den Kindern sehr jut ausgekommen. Und wir ha'm denen ooch was zu essen mitgebracht, mal 'ne Mohrrübe oder was, weil wir selber ooch 'in bisschen Garten hatten. Wir ha'm tüchtig jeteilt, trotzdem wir selber nich' viel hatten. "

Alfred L. (Jg. 1933)

Trainingshose und Gummischuhe zur Konfirmation 1947

"In die Kirche musste ich ja immer gehen und denn zum Konfirmandenunterricht. Vor der Prüfung hab ich genau so gezittert, wie vor dem anderen auch, und vorbereiten mußt' mer uns eben da droff. Und denn, meine Mutter krichte ein Bezugsschein für mich zur Konfirmation. Und da mussten wir nach Radis fahren, und dort kriegte ich eine neue Trainingshose zu kaufen zur Konfirmation. Und die hab ich dann an gehabt. Und ein paar Gummischuh hab ich gehabt, die wurden hier im Gummiwerk hergestellt. Gummi, direkt schwarzer Gummi. Die kamen 300,00 Mark. Die haben wir noch gekauft, dass ich noch 'in paar Schuhe hatte. `in Kamm, der kam 30,00 Mark, auch von Gummiwerk hier. Trainingshose und Gummischuhe, aber 'n Schlips, so was hab ich überhaupt nicht umgehabt. Mutter war mitgegangen, und die Paten waren da. Geschenke, nee, wir haben bloß geguckt nach 'in bisschen Geld. Das war Alliiertengeld. Ich hatte, das weiß ich noch, über 6000 Mark. Aber das hatte ja keenen Wert."
Alltag DDR